Was ich nicht zu erschaffen vermag kann ich nicht verstehen
Montag, 19. März 2012
„Kapitalismus ist organisiertes Verbrechen“ steht auf dem Transparent, das der DJ über seinen Turntables aufgehängt hat. Vor ihm ist sein Laptop aufgebaut. Den ziert ein Apfel.



Montag, 17. Oktober 2011

Tag 9 – Das erste Buch, das Du je gelesen hast

Bei uns daheim gab es eine Menge lustige und einige eher seltsame Kinderbücher. Aber allen zusammen haftete der Makel an, daß sie ganz klar erkennbar keine „echten Bücher“ waren. Echte Bücher waren das, was die Erwachsenen hatten, kleineres Format als die großen Kinder­bücher, keine Bilder und eine ernste, nicht simplifizierte Sprache.

Eines Tages, kurz vor Beginn der Weihnachtsferien in der ersten Klasse, beschloß ich daher jetzt auch zu den Erwachsenen zu gehören (das beschloß ich zu der Zeit häufiger). Zur Um­setzung des Beschlusses setzte ich mich auf die Fensterbank unseres Wohnzimmers – wegen der Heizung, auf der man seine Füße abstellen konnte und wegen des schönen Aus­blicks auf das Allgäu mein Lieblingsplatz – und las. Während der ersten Seite ließ die Be­geisterung über den neuen Status allerdings langsam nach und wich Ärger: das Buch verhielt sich garnicht so kooperativ wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich verstand kaum ein Wort, selbst wenn ich die Buchstaben laut aussprach und aneinanderreihte. Dabei kam ich mir reichlich blöd vor, schließ­lich machten die Erwachsenen das auch nicht.

Blick von Ulm auf die Alpen

Etwas frustriert saß ich da nun – Aufzugeben kam natürlich nicht in Frage, aber Spaß mach­te das so auch keinen. Auf die Rettung stieß ich beim Durchblättern des Buches, das mich so ärgerte: Bilder! Da waren Abbildungen, sogar Tabellen und Fotos von irgendwelchen komi­schen Dingen. Es handelte sich also garnich um ein Buch für Erwachsene – damit war es kein Makel, wenn ich es nicht lesen konnte! Erleichtert legte ich den Band zurück auf den Stapel medizinischer Fachliteratur meines Vaters.

Am nächsten Tag setzte ich den Beschluß um, diesmal mit einem richtigen Erwachsenen­buch, ohne Bilder (nur eines auf dem Einband), mit vielen Seiten und – das war das beste – es kamen Indianer vor! Auch hier war das Lesen anfänglich etwas stockend, als die Schule jedoch wieder losging hatte ich das Buch durch. Und das danach. Und steckte mitten in einem weiteren. Ich war ganz klar schon völlig erwachsen.
Im Original vom 21. Oktober 2010. Bild von Pablo d’Angelo, lizensiert unter CC-BY-NC.



Sonntag, 16. Oktober 2011
Sonntagmorgens rumpelt es über mir. Für eine derartige Rumpelei scheint es mir noch deut­lich zu früh – auch wenn die Sonne schon intensiv durch's Fenster strahlt, es zählt ja die empfundene Frühe. Also beschließe ich, jegliche Störung zu ignorieren und senke den Kopf wieder auf mein Kissen.

Indes, wer auch immer da über meinem Kopf Lärm schlägt, er denkt nicht daran, mir mei­nen Willen zu lassen: abermals rumpelt es laut und vernehmlich; in einem Film würden zur optischen Untermalung der akustischen Tortur jetzt kleine Teile von der Decke rieseln. Auch das probeweise um den Kopf gequetschte Kissen hilft nichts, an Schlafen ist nicht zu denken. Also steige ich in Jeans und T-Shirt, um dem Störer gehörig meine Meinung zu sagen.

Vor der Wohnungstür angekommen ist schnell klar, woher das Gerumpel kommt: auf halber Höhe hängt in der Wendeltreppe, die auf den Speicher führt, – ein Schreibtisch. Am unteren Ende stemmt sich ein kleiner Asiate dagegen und brüllt die Tischplatte an. Erst nach noch­maligem Hingucken erkenne ich am oberen Ende sein (noch kleineres) weibliches Gegen­stück, das sich verzweifelt an ein Bein klammert. Verwundert betrachte ich die Szenerie, lausche den chinesischen (?, Japanisch ist es jedenfalls nicht) Flüchen und kombiniere schließ­lich aus der offenen Türe gegenüber, daß es sich hier um meine neuen Nachbarn handelt.

„Hallo, kann ich euch helfen?“ frage ich und stelle mich – in aller Kürze – vor. Eine kurze athletische Einlage später kann ich der sichtlich erleichterten Dame den Tisch aus der Hand nehmen und mit dem nun nicht mehr fluchenden Herrn in deren Wohn-/Schlaf-/Esszimmer bringen. Kaum abgestellt, bedanken sich beide vieltausenmal und ich erfahre in Stereo in zwar gesungenem, aber doch gutem Deutsch, daß sie aus Vietnam kommen, hier studieren werden, er Informatik, sie Maschinenbau, der Tischtransport ohne mich unschaffbar ge­wesen und überhaupt alles hier eine sehr nette Nachbarschaft sei. Nein, antworte ich wahr­heitsgemäß, ich sei noch nie in Vietnam gewesen, habe das aber fest vor. Das ruft Jubel hervor und einen Streit, welche Route ich denn nun nehmen sollte und was ich – unbedingt! – mir unterwegs ansehen müßte. Um den Streit abzukürzen und vielleicht doch nochmal in mein Bett zurückkehren zu können, schlage ich vor, das abends bei einem Bierchen in meiner Küche zu klären und sich da besser kennenzulernen – ich würde sie herzlich einladen.



Stille. Die beiden Gesichter, die mich anstarren, bedeuten, daß ich gerade etwas sehr falsches gesagt habe. Meine Gedanken fangen an, zu rasen; habe ich die Gastfreundschaft verletzt weil ich gehen will, mit der Einladung Anstandsregeln gebrochen? Ich werde mit knappen Worten zur Tür geleitet.

Zurück in meiner Wohnung scheint mir die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. „Die neuen Nachbarn sind komisch.“ sage ich auf den fragenden Blick und schalte die Kaffee­maschine ein. Ein Lachen ist die Antwort: „Dann passen sie ja wunderbar hier rein.“