Was ich nicht erschaffen kann vermag ich nicht zu verstehen
Samstag, 15. September 2012
Mit der Süddeutschen Zeitung kann ich nicht besonders viel anfangen. Im Gegenteil ver­meide ich es nach Möglichkeit, allzuviel mit ihr zu tun zu haben. Unlängst erwarb ich doch eine Ausgabe, da ich einen speziellen Artikel daraus benötigte. Meinen Vorsatz, das be­zahlte Blatt nun auch zu lesen, hielt ich keine fünf Minuten durch, so sehr war ich ver­ärgert ob der …



Aber halt, ich schweife ab. Was hier eigentlich stehen soll: unter all den Flußkieseln hat sich ein Goldnugget versteckt, über das ich gestern abend stolperte. In der Kolumne Die Ge­wis­sens­frage des Magazins der Süddeutschen Zeitung bespricht ein Philosophiedozent mora­lische Zwickmühlen, stellt ethische Grundsätze in einen Anwendungsbezug und gibt Ver­haltens­ratschläge. Dabei hangelt er sich oft an der historischen Behandlung dieser Problem­stellung bis in die Gegenwart und bramarbasiert dabei doch meist nur wenig. Und ob­wohl ich viele seiner Schlüsse nicht teile, begründet er so gut, daß es eine Freunde ist, sich nach Sichtung der Frage zuerst selbst eine Entscheidung zu erarbeiten und diese dann gegen seine Antwort zu prüfen. Das ein oder andere Mal muß man zähneknirschend eingestehen, nicht umsichtig genug bedacht zu haben.

Einen kleinen Seitenhieb muß ich doch noch austeilen: bei der einen oder anderen der Fra­gen scheint doch so etwas durch, besser: reflektiert über die Leser, warum ich die Zeitung nicht so gerne mag.
Bild: Stoa Kantiana in Kaliningrad, vom Künstler unter CC-BY-NC lizensiert.



Sonntag, 16. Oktober 2011
Sonntagmorgens rumpelt es über mir. Für eine derartige Rumpelei scheint es mir noch deut­lich zu früh – auch wenn die Sonne schon intensiv durch's Fenster strahlt, es zählt ja die empfundene Frühe. Also beschließe ich, jegliche Störung zu ignorieren und senke den Kopf wieder auf mein Kissen.

Indes, wer auch immer da über meinem Kopf Lärm schlägt, er denkt nicht daran, mir mei­nen Willen zu lassen: abermals rumpelt es laut und vernehmlich; in einem Film würden zur optischen Untermalung der akustischen Tortur jetzt kleine Teile von der Decke rieseln. Auch das probeweise um den Kopf gequetschte Kissen hilft nichts, an Schlafen ist nicht zu denken. Also steige ich in Jeans und T-Shirt, um dem Störer gehörig meine Meinung zu sagen.

Vor der Wohnungstür angekommen ist schnell klar, woher das Gerumpel kommt: auf halber Höhe hängt in der Wendeltreppe, die auf den Speicher führt, – ein Schreibtisch. Am unteren Ende stemmt sich ein kleiner Asiate dagegen und brüllt die Tischplatte an. Erst nach noch­maligem Hingucken erkenne ich am oberen Ende sein (noch kleineres) weibliches Gegen­stück, das sich verzweifelt an ein Bein klammert. Verwundert betrachte ich die Szenerie, lausche den chinesischen (?, Japanisch ist es jedenfalls nicht) Flüchen und kombiniere schließ­lich aus der offenen Türe gegenüber, daß es sich hier um meine neuen Nachbarn handelt.

„Hallo, kann ich euch helfen?“ frage ich und stelle mich – in aller Kürze – vor. Eine kurze athletische Einlage später kann ich der sichtlich erleichterten Dame den Tisch aus der Hand nehmen und mit dem nun nicht mehr fluchenden Herrn in deren Wohn-/Schlaf-/Esszimmer bringen. Kaum abgestellt, bedanken sich beide vieltausenmal und ich erfahre in Stereo in zwar gesungenem, aber doch gutem Deutsch, daß sie aus Vietnam kommen, hier studieren werden, er Informatik, sie Maschinenbau, der Tischtransport ohne mich unschaffbar ge­wesen und überhaupt alles hier eine sehr nette Nachbarschaft sei. Nein, antworte ich wahr­heitsgemäß, ich sei noch nie in Vietnam gewesen, habe das aber fest vor. Das ruft Jubel hervor und einen Streit, welche Route ich denn nun nehmen sollte und was ich – unbedingt! – mir unterwegs ansehen müßte. Um den Streit abzukürzen und vielleicht doch nochmal in mein Bett zurückkehren zu können, schlage ich vor, das abends bei einem Bierchen in meiner Küche zu klären und sich da besser kennenzulernen – ich würde sie herzlich einladen.



Stille. Die beiden Gesichter, die mich anstarren, bedeuten, daß ich gerade etwas sehr falsches gesagt habe. Meine Gedanken fangen an, zu rasen; habe ich die Gastfreundschaft verletzt weil ich gehen will, mit der Einladung Anstandsregeln gebrochen? Ich werde mit knappen Worten zur Tür geleitet.

Zurück in meiner Wohnung scheint mir die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. „Die neuen Nachbarn sind komisch.“ sage ich auf den fragenden Blick und schalte die Kaffee­maschine ein. Ein Lachen ist die Antwort: „Dann passen sie ja wunderbar hier rein.“



Sonntag, 8. Mai 2011
Manchmal frage ich mich, wie Richter ihren Job aushalten.

Natürlich, der Beruf weist eine Reihe Vorteile auf: man wird geachtet, ist sehr unabhängig, hat in der Regel bewiesen, daß man zu den besten Juristen des Landes zählt. Häufig wird es so sein, daß man durch weise und gerechte Urteile Streitfälle beilegen, Übeltäter zur Rechen­schaft ziehen und … ja, Gerechtigkeit wirken kann.

Aber dann sind da diese Fälle, in denen das anders ist. In denen die Buchstaben des Gesetzes orthogonal sind zu dem, was man unter Gerechtigkeit versteht. Die Fälle, in denen man als Richter nicht anders kann als ein „Recht“ zu sprechen, von dem man genau weiß, daß es schrei­endes Unrecht ist.

Iustitia

Wie fühlt es sich an, zu sagen „Es liegt auf der Hand, welche Partei Recht hat. Dennoch ist das Gericht an geltende Gesetze und Vorschriften gebunden. Es ergeht daher – selbstredend in nichts geringerem als dem Namen des Volkes – das Urteil, daß die Beweise ignoriert, Fak­ten verdreht und Formalia hochgehalten werden; Recht bekommt der Bösewicht.“?

Nach den ersten drei Malen, die ich diesen Text sprechen müßte, läge vermutlich meine Kün­di­gung auf dem Tisch.

Das Bild zeigt die blinde Iustitia an der Mauer der Villa Hartmann in Halle/Saale. Photographie (cc) von Ralf Lotys.



Mittwoch, 20. April 2011
„Dieser Stift ist übrigens auch absolut nicht radioaktiv verseucht.“

Stift „Made in Japan“


sagt der Ladenbesitzer, als er mein Zweieurostück in die Kasse wirft. Auf mein etwas ver­dutz­tes Gesicht weist er auf das Made in Japan, das am Stift prangt, dann zu den diversen Maga­zinen im Regal, die Fukushima-Bilder und Trefoils zeigen. „Also ich mach mir da ja schon Sor­gen. Hab aber beim Lieferanten angefragt, der hat gesagt, man muß sich da keine Sorgen machen, die Dinger werden beim Import alle geprüft.“

Nachdem ich den Stift eingesteckt habe kommt er um den Tresen herum, geht an mir vorbei aus dem Laden heraus und zündet sich eine Zigarette an.



Mittwoch, 6. April 2011
„Entwicklungshilfe bringt garnichts, das ist nur rausgeschmissenes Geld.“

Die Lenkerin meiner Mitfahrgelegenheit, L., ist sich da sicher. Und sie müsse das ja wissen, immer­hin sei sie schon ein paarmal vor Ort in Süd- und Zentralamerika gewesen. Kumulierte zwei Jahre habe sie dort in „Projekten“ zugebracht, erfahre ich.

„Wenn man von all dem Geld mehr Drogen kaufen würde, dann wäre das Elend wenigstens bald vorbei.“

Das habe sie schon nach ihrem ersten Aufenthalt in den Slums von Asunción gewußt. Nach ei­nigen Sekunden Sendepause frage ich sie, warum Sie dann immer wiederkehrte. Nunja, sagt L. und kaut auf ihrer Unterlippe herum, sie bräuchte das als Egokick: bessere Projekte als andere zu machen, selbst wenn sie von der Folgenlosigkeit überzeugt sei.

„Weißt Du, manchmal finde ich mich selbst etwas seltsam.“

Komisch, den Eindruck hatte ich bisher garnicht – verkneife ich mir zu sagen und freue mich still über ein Autobahnschild, das mir das Ziel der Reise in dreißig Kilometern ankündigt.